Interkulturelles Verständnis als Erfolgsvoraussetzung für Investitionen und Outsourcing in Vietnam

Vietnam hat als Investitionsstandort für IT-Outsourcing großes Potenzial (Lesen Sie dazu: IT-Outsourcing nach Vietnam: Marktchancen für deutsche Unternehmen). Zur erfolgreichen Gestaltung von Projekten dürfen jedoch die kulturellen Unterschiede zwischen deutschen und vietnamesischen Unternehmen nicht außer Acht gelassen werden. Interkulturelles Verständnis stellt einen wichtigen Erfolgsfaktor für die internationale Zusammenarbeit dar. Der vorliegende Artikel von Nhat Linh Nguyen und Peter Steinhoff analysiert mögliche Motive und Vorteile von Vietnam als zukünftigem IT-Offshoring-Standort, sowie die Risiken der interkulturellen Aspekte des IT-Outsourcings, um daraus Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Kooperation abzuleiten.

Deutschland und Vietnam: Kulturelle Unterschiede

Vietnam als kollektivistische Gesellschaft

Die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern stellen eine zentrale Herausforderung für deutsche Unternehmen dar. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist interkulturelles Verständnis notwendig. Deshalb sollten zwei grundlegende Aspekte beachtet werden: Erstens ist Vietnam eine kollektivistische Gesellschaft, d. h. zwischenmenschliche Beziehungen haben auch in der Arbeitswelt einen sehr hohen Stellenwert. In Unternehmen werden daher Entscheidungen beispielsweise bei Projektarbeiten in der Regel gemeinsam getroffen. Bei der Besetzung von neuen Stellen werden nahestehende Personen wie Familie und Freunde bevorzugt behandelt. Außerdem steht das Wohl der Gruppe im Vordergrund, daher werden die Bedürfnisse des Einzelnen zurückgestellt. Persönliche Meinungen werden nicht offen geäußert, um die Harmonie in der Gruppe zu wahren. Vor diesem Hintergrund ist es für deutsche Führungskräfte ratsam, die Anreize auf Gruppenebene zu setzen und nicht, wie in Deutschland, Mitarbeiter individuell zu honorieren. Auch sollte Kritik nicht direkt vor dem Team geäußert, sondern behutsam verpackt werden. Wie in anderen asiatischen Kulturen ist es auch in Vietnam wichtig, das „Gesicht zu wahren“.

Unterschiedliche Hierarchieverständnisse als Herausforderung für die interkulturelle Zusammenarbeit

Zweitens ist das unterschiedliche Verständnis von Hierarchien von zentraler Bedeutung. Vietnam ist ein Land mit einer hohen Machtdistanz, d. h. die Mitarbeiter akzeptieren die hierarchische Ordnung sowie die deutlichen Unterschiede zwischen den Gehältern und Entscheidungsbefugnissen, ohne dies in Frage zu stellen. Während es in Deutschland üblich ist, dass die Beschäftigten eigenverantwortlich arbeiten und über einen Handlungsspielraum verfügen, erwarten die Mitarbeiter in Vietnam in der Regel sehr klare Anweisungen bezüglich ihrer Aufgaben. Folglich sollte das Führungsmanagement ihren Mitarbeitern und Kollegen genau das Maß an Eigenständigkeit geben, das sie aufgrund ihrer kulturellen Prägung benötigen, sowie den Entscheidungsprozess daran anpassen.

Interkulturelles Verständnis als Voraussetzung für erfolgreiche Geschäftsbeziehung

Vor diesem Hintergrund ist es essenziell, die Mitarbeiter in Deutschland auf ihre möglichen neuen Aufgaben vorzubereiten (Change-Management) und zu zeigen, wie sie die geschäftliche Beziehung mit dem Offshore-Anbieter pflegen können (Relationship-Management). Mithilfe des Enterprise Transformation Cycle (ETC) können diese Ziele umgesetzt und erreicht werden. Dabei ist es wichtig, klar zu formulieren, was das Ziel des Outsourcings ist, und wie diese Veränderung und damit die Transformation ablaufen soll. Die Voraussetzung ist, dass dieser Transformationsprozess mit der Neugestaltung der Strategie des Unternehmens beginnt. Mithilfe von Umsetzungsinstrumenten, wie beispielsweise einer Balanced Scorecard, erfolgt die Untermauerung der Strategie und damit eine Beschreibung des Wegs mit konkreten Maßnahmen. Danach folgt die Transformation von Processes, Organization, People, Systems and Tools sowie der Governance. Ein wichtiger Aspekt ist auch, die richtigen Mitarbeiter mit den erforderlichen Fähigkeiten und der notwendigen Offenheit für das Thema zu gewinnen.

ETC, Enterprise Transformation Cycle
Der Enterprise Transformation Cycle. (Bild: © TCI GmbH 2017)

Interkulturelle Trainings im Change Management einsetzen

Im nächsten Schritt wird die Art und Weise der Transformation geplant und umgesetzt. Dies geschieht in den Phasen Envision, Engage, Transform und Optimize. Besonders die zweite Phase (Engage) ist entscheidend. Hierbei gilt es die Mitarbeiter einzubeziehen, damit sie den Transformationsprozess mittragen, sowie um die konkrete Vorbereitung der Transformation. Die zentralen Aufgaben in dieser Phase sind:

  • Erstellung eines Kommunikationskonzeptes
  • Schaffung eines Netzwerks für die Veränderung
  • Auswahl und Training von Change Agents (Mitarbeitern, die die Veränderung mittragen und -gestalten sollen)
  • Kommunikation der Veränderung

Flankiert wird das ganze durch interkulturelle Trainings. Da die Landeskulturen zwischen Deutschland und Vietnam sehr unterschiedlich sind, ist es unabdingbar, bei den Projektbeteiligten einen möglichen „Kulturschock“ zu vermeiden. Diverse Schulungen („Sein Gesicht wahren: Machtdistanz, direkte und indirekte Kommunikation“, „Individualität versus Kollektivität“, „Entwicklung von Handlungsstrategien in unterschiedlichen Kontexten“, „Besondere Dynamiken virtueller, internationaler Teams und Konfliktmanagement“) können bei den Mitarbeitern das interkulturelle Verständnis sowie die interkulturelle Kompetenz verbessern und parallel eine gewisse interkulturelle Sensibilität entwickeln. Nur durch diese interkulturelle Kompetenz können Konflikte und Missverständnisse mit dem ausländischen Offshore-Partner vermieden und somit die internationale Kooperation gefördert werden.

Günstige Bedingungen für ausländische Investoren

Als aufstrebender IT-Standort bildet Vietnam eine Alternative zu etablierten Standorten wie Indien und China. Vietnams IT-Outsourcing-Industrie ist trotz der weltweiten Gesundheits- und Wirtschaftskrise, die weite Teile der Welt betrifft und nahe gelegene Offshoring-Epizentren zum Erliegen gebracht hat, eine beständige Produktivitätskraft geblieben. Das Land wird, mehreren übereinstimmenden Analysen zufolge, entgegen dem weltweiten Trend selbst 2020 ein leichtes Wirtschaftswachstum verzeichnen können. Für 2021 erwarten Analysten sogar, dass sich das Wirtschaftswachstum wieder auf dem Vorkrisenniveau von zwischen 6,6 bis 7 Prozent einpendeln wird. Diese mittel- bis langfristig guten wirtschaftlichen Aussichten (niedrige Arbeitskosten, ein stabiles politisches, soziales und wirtschaftliches Umfeld sowie einen jungen, zum Teil gut ausgebildeten, fleißigen und loyalen Arbeitskräftepool) hatten Vietnam bereits vor Covid-19 zu einem geschätzten Ziel für ausländische Investoren gemacht. Außerdem ist das Freihandelsabkommens zwischen der EU und Vietnam zum 1. August 2020 in Kraft getreten. Dadurch wird das südostasiatische Land in den kommenden Jahren bei ausländischen Investoren noch weiter an Attraktivität gewinnen.

Auch will die Regierung Vietnams den Zuzug ausländischer Unternehmen durch vielfältige (nicht-)steuerliche Fördermaßnahmen unterstützen. Das Investitionsgesetz aus dem Jahr 2015, überarbeitet 2020, sowie Umsetzungsdekrete bestimmen die wesentlichen Förderinstrumente, die Investoren in Anspruch nehmen können. In steuerlicher Hinsicht unterstützt der Staat in- und ausländische Investoren durch reduzierte Körperschaftsteuersätze für unterschiedliche Zeiträume, zeitlich begrenzte vollständige Steuerbefreiungen, reduzierte Einkommensteuersätze für Mitarbeiter sowie Einfuhrumsatzsteuererleichterungen. Zudem unterstützt der Gesetzgeber bei der Infrastrukturentwicklung insbesondere in Wirtschaftszonen, High-Tech- und Industrieparks sowie bei Forschungs- und Entwicklungsvorhaben und fördert auch die Ausbildung von Arbeitskräften.

Ausblick

Somit bietet Vietnam als „Tigerstaat“ einen vielversprechenden Wirtschaftsstandort und hat die Chance, sich langfristig als ein Kompetenzzentrum für IT in der ASEAN-Region zu etablieren. Hierzu muss der eingeschlagene Wachstumspfad konsequent verfolgt sowie bestehenden Herausforderungen begegnet werden. Wer an den hohen prognostizierten Wachstumsraten partizipieren möchte, muss sich auf dem vietnamesischen Markt etablieren, ohne dabei die Konkurrenz aus den Nachbarländern zu vernachlässigen. Außerdem sind die Kostenstrukturen, die Administration und die kulturellen Aspekte anders als in Deutschland. Ein Markteintritt in Vietnam muss daher branchenunabhängig und sorgfältig geplant werden. Potenziale können nur ausgeschöpft werden, wenn sich ausländische Unternehmen mit den lokalen Gegebenheiten vertraut machen und ihre Geschäftsaktivitäten an diese anpassen.

nhat linh nguyen peter Steinhoff
Die Autoren des Beitrags Peter Steinhoff und Nhat Linh Nguyen (Bild: © Peter Steinhoff / © Nhat Linh Nguyen)

Dieser Beitrag wurde von Nhat Linh Nguyen und Prof. Dr. Peter Steinhoff gemeinsam verfasst. Nhat Linh Nguyen hat ihren Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg absolviert. Aktuell arbeitet sie in einem Technologieunternehmen und studiert im Master an der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning mit dem Schwerpunkt International Management.

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Quelle Titelbild: © Aleksandar Mijatovic / adobe.stock.com

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Peter Steinhoff

Peter Steinhoff

Prof. Dr. Peter Steinhoff ist Managing Partner der TCI Transformation Consulting International GmbH und Experte für Business Transformation im CFO- und CIO-Bereich. Zudem ist er Professor für Betriebswirtschaftslehre und als Speaker und Autor aktiv.

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