Agilität: Warum gerade jetzt?

Das Prinzip der Agilität ist im Grunde genommen nichts Neues – neu ist aber, wie dringend Unternehmen heute agil werden wollen und müssen. Denn die sich rasant ändernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erfordern schnelle Reaktionen seitens der Unternehmen. Das gelingt nur mit flexiblen Strukturen und agilen Prinzipien. Rüdiger Schönbohm zeigt in seinem Beitrag, warum Agilität eine zentrale Business Capability ist, wenn es darum geht, sich für die Zukunft aufzustellen.

Hinweis der Redaktion: Lesen Sie hier auch die weiteren Artikel zur 13. TCI-Online-Veranstaltung “Fit4future: Disruption = Chance!?” (23.11.2021, 15.00-17:00 Uhr):

Agilität – neuer Name für erprobte Vorgehensweise

„Agil(er) werden“ – dieses Schlagwort ist schon länger in aller Munde und gegenwärtig das Ziel vieler Unternehmen verschiedenster Branchen. Dabei ist Agilität nichts wirklich Neues. Schon im 2. Weltkrieg (1943) wurde ein Kampfflugzeug – der Lockheed P80 Jet – nach Prinzipien und Vorgehensweisen entwickelt, die wir heute dem Themenfeld „Agilität“ zuschreiben würden. Bereits seit den 1950er Jahren ist Agilität als ein Konzept der Systemtheorie für Organisationen bekannt, lange bevor das „Agile Manifesto“ im Jahr 2001 publiziert wurde und mit dem SCRUM-Framework bald darauf vor allem im Bereich der Softwareentwicklung weltweit Bedeutung erlangte.

Traditionelle Vorgehensweisen: Effizienzorientierung durch feste Strukturen

Bevor wir uns mit der eigentlichen Frage dieses Beitrags beschäftigen, nämlich warum Agilität gerade jetzt so wichtig ist, lassen Sie uns noch einen Blick auf die nicht-agilen, eher „traditionellen“ Vorgehensweisen werfen, die uns über so viele Jahrzehnte begleitet und erfolgreich gemacht haben.

Die meisten der immer noch weit etablierten Management-Praktiken stammen ursprünglich aus dem Industriezeitalter des vorigen Jahrhunderts. Es sind Konzepte, die vor allem auf die Effizienzoptimierung gut planbarer, sich wiederholender Abläufe, sowie die funktionale und hierarchische Arbeitsteilung im Unternehmen setzen. Dieses Grundkonzept passt immer dann gut, wenn Marktentwicklungen und daraus resultierende Anforderungen an Unternehmen gut vorhersehbar sind und die Arbeitsabläufe (Prozesse) daraufhin optimiert werden können. Schwierig wird es jedoch, wenn die Marktdynamik, also die Veränderungen in den Marktanforderungen, die (Anpassungs-)Fähigkeiten der Unternehmen überfordern. Schnell sitzen Unternehmen dann in einer Art „Effizienzfalle“: sie sind so durchgetrimmt, kostenoptimiert und hochproduktiv, dass jegliche, ungeplante Veränderungen unweigerlich zuerst zu Mehrkosten und rechnerischen Ineffizienzen führen. Es ist keine große Überraschung, dass kurzfristige und/oder radikale Veränderungen daher bei vielen Entscheidern äußerst unbeliebt sind. Dies gilt vor allem dann, wenn der bisherige Weg erfolgreich war.

Wasserfall, hybrid oder agil? Das Problem definiert die Methode

Egal wie gut und eingeführt ein Vorgehensmodell ist – es bleibt immer ein menschengemachtes, erdachtes Konstrukt, das helfen soll, eine bestimmte Art von Herausforderungen zu bewältigen. Wichtig ist, dass das Vorgehen zum zu lösenden Problem passt. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Probleme, die Unternehmen heute – und vor allem auch künftig – zu lösen haben, unterscheiden sich doch deutlich von denen der vergangenen Jahrzehnte. Herausforderungen werden vielfältiger, dynamischer und komplexer und mancher stellt gar fest, dass die vorhandenen Mittel immer öfter zu kurz greifen. In einer Welt, in der Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität immer stärker zunehmen (vgl. unseren Blogbeitrag Externe Effekte: Warum und wie sie den Veränderungsdruck erhöhen), brauchen Unternehmen unbedingt flexible und anpassungsfähige Vorgehensweisen – eben eine gewisse Agilität.

Doch was heißt es überhaupt, agil zu sein? Um darauf eine Antwort zu finden, lohnt es sich, einen Blick auf einige Grundprinzipien von Agilität zu werfen. Dabei ist es wichtig, sich klarzumachen, wo die Unterschiede zu den traditionellen Arbeitsweisen, Führungs- und Entscheidungsmustern liegen.

Klassisches Projektmanagement und agiles Projektmanagement im Vergleich
Während im klassischen Projektmanagement der Prozess und seine Optimierung im Mittelpunkt steht, liegt beim agilen Projektmanagement der Fokus auf dem Ergebnis. (Bild: © Rüdiger Schönbohm)

Konsequente Ausrichtung auf Kunden, Markt und Ergebnisse

Es gibt zwei Dinge, die bei allen agilen Konzepten im Mittelpunkt stehen:

  1. Kunde beziehungsweise Markt und dessen Anforderungen
  2. Ergebnis der Arbeit, also das Produkt

Alle anderen Aspekte wie Prozesse, Planeinhaltung, Effizienz, etc. gelten natürlich weiterhin, werden aber den anderen beiden untergeordnet. Ergebnisse und damit Produkte, die die Kundenerwartungen (über-) erfüllen, erzeugen Wert – beim Kunden und damit auch im eigenen Unternehmen. Denn nur Produkte, die Mehrwert beim Kunden schaffen, sind nachhaltig erfolgreich. Das gilt im Übrigen für interne ebenso wie für externe Kunden…

Ergebnisse sind wichtiger als Prozesse

Nun mag mancher einwenden, dass das alles Quatsch sei und natürlich die Wertschöpfung und ihre zugehörigen Prozesse höchst effizient sein müssen, um marktgerechte Qualität zu niedrigsten Kosten entsprechend den Marktanforderungen liefern zu können. Selbstverständlich müssen Kunden- und Marktanforderungen immer bestmöglich erfüllt werden, um unternehmerisch erfolgreich zu sein. In den letzten Jahren beobachten wir allerdings eine nie zuvor dagewesene Beschleunigung der Dynamik genau dieser Marktanforderungen, verursacht durch sehr dominante Megatrends wie zum Beispiel der Digitalisierung und Vernetzung, der Energiewende hin zu regenerativen Energieträgern, sowie einer massiv gesteigerten Marktmacht der (End-)Kunden. Vor allem die weltweite Durchdringung mit mobilen Endgeräten (Smartphones) erlaubt Verbrauchern heute eine Markttransparenz wie nie zuvor. Nicht umsonst dominieren – wenn es um Wachstum und Profit geht – schon seit längerem vor allem (Tech) Companies, die konsequent auf digitale Geschäftsmodelle und ihre Produkte setzen.

Corona hat gezeigt: Alles kann sich sehr schnell ändern

So weit, so gut. Aber was hat das alles mit Agilität zu tun? Hohe Marktdynamik bedeutet: schlechte Vorherseh- und Planbarkeit, ausgeprägte Volatilität in den Markt- und Wettbewerbsbedingungen sowie eine hohe Innovationsrate. Nicht zuletzt hat uns Corona eindrücklich vor Augen geführt, wie schnell Langfristplanungen ad absurdum geführt werden können. Dinge, die gestern noch gesetzt waren, gelten plötzlich nicht mehr. Seien es Hunderte heute leerstehender Büros in den großen Städten, weil Unternehmen und Mitarbeiter die Vorteile von Home-Office schätzen gelernt haben und nicht mehr zurückwollen. Oder die massiv gestiegenen Umsatzzahlen des Online-Handels und deren Profiteure (Deutsche Post). Nicht zuletzt natürlich die Erfolge der vor der Krise eher unbedeutenden Pharma-Firmen wie BioNtech und Moderna, die durch Kreativität und innovative Produkte innerhalb kürzester Zeit milliardenschwer geworden sind.

Corona als Katalysator

Interessant ist dabei, dass Corona nur wenig wirklich Neues in Gang gesetzt (von Impfstoffen mal abgesehen), sondern vielmehr bereits bestehende Trends, vor allem im Bereich der Digitalisierung, maßgeblich beschleunigt hat. Einmal mehr wurde deutlich, wie wichtig Flexibilität, Geschwindigkeit und das Antizipieren von Entwicklungen sind. Genau hier setzen agile Konzepte an, die – wenn richtig umgesetzt – die Adaptions- und Innovationsfähigkeit von Unternehmen radikal verbessern können.

Agilität: bislang die beste Antwort auf stetig zunehmende Dynamik

Ist Agilität ein Allheilmittel? Ganz sicher nicht. Wir hören immer wieder den Satz „wir machen jetzt alles agil“ – ein klares Indiz dafür, dass das Thema Agilität noch nicht wirklich verstanden wurde. Agile Konzepte, egal ob sie jetzt SAFe®, Scrum oder LeSS heißen, sind vor allem in den Bereichen sinnvoll, die hoch-dynamisch arbeiten (müssen). Da Dynamik in der Regel von außen – vom Markt – kommt, sind es die marktnahen Einheiten wie Sales & Marketing, Service sowie Forschung & Entwicklung, die am ehesten von Agilität profitieren.

Dabei gilt: je unsicherer das angestrebte Ziel bzw. der Weg dahin, desto eher entfalten agile, kundenzentrierte Ansätze ihre positive Wirkung.

TCI Online: Fit4Future – Disruption = Chance!? Jetzt anmelden

In unserer 13. TCI-Online-Veranstaltung werden wir auf diese Zusammenhänge konkret eingehen und anhand von aktuellen Beispielen aus der Praxis aufzeigen, wie Unternehmen vorgegangen sind, um diese Herausforderungen zu meistern. Seien Sie dabei!

Das Webinar TCI Online 13: Fit4Future – Disruption = Chance!? findet am 23. November 2021 von 15:00 – 17:00 Uhr statt.

Melden Sie sich jetzt an und nutzen Sie dafür folgenden Link: https://us06web.zoom.us/webinar/register/WN_ZFEcXIA9R82KdVNXPpUInA

Quelle Coverbild: © natali_mis | Adobe Stock

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Rüdiger Schönbohm

Rüdiger Schönbohm

Dipl.-Ing. Rüdiger Schönbohm ist TCI Partner mit umfangreichen Erfahrungen in verschiedenen Fach- und Führungsrollen in globalen Konzernen und Autor mehrerer Buchbeiträge zu Digitalisierung, Digital Leadership und Agilität; hierzu begleitet er seit 2016 Unternehmen in deren Transformation.

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